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Was tut eigentlich ein Lektor?05.06.2017 Der Lektor als professioneller Schizophrener

Als Lektor bin ich ein professioneller Schizophrener. Ich muss ein guter Leser sein, mich in den Text versenken können. Und gleichzeitig sitze ich mit dem Rotstift daneben und notiere, wenn ich (mein Leser-Ich) das Interesse verliert, wo die Spannung verloren geht und ob ich mit den Personen wirklich einige Stunden verbringen will.
Der erste Leseeindruck ist wichtig. Vieles, was mir dabei begegnet, kann ich gleich korrigieren. Die Delete-Taste ist der beste Freund eines Autors, heißt es. Lektoren haben mit dieser Taste sogar Blutsbrüderschaft geschlossen. Schreiben ist einfach, man muss nur die falschen Worte weglassen, hat Mark Twain gesagt. So mancher Text gewinnt durch geschickten Einsatz dieser Taste bereits Tempo und Spannung.
Natürlich kann es nicht beim einmaligen Lesen bleiben. Über einen Text zu schlafen ist immer eine gute Idee. Und am nächsten Morgen kontrolliert mein Rotstift-Ich, ob das, was meine Leser-Ich am Tage zuvor verbrochen hat, auch funktioniert.
Oft ist es nicht so einfach. Manchmal hat das Leser-Ich so ein Grummeln im Bauch, das auch der Einsatz der Delete-Taste nicht besänftigen kann. Das auch Überarbeiten nicht beseitigt. Dann hat der Text strukturelle Probleme und darüber Schlafen ist erst recht eine gute Idee. Was hat das Grummeln verursacht? Erzählt der Autor über seine Figuren, anstatt sie handeln zu lassen? Fehlt einfach der Konflikt? Weicht der Autor dem Konflikt aus? Mein Rotstift-Ich muss es herausfinden, es muss auch genau auf die Stelle zeigen, an dem das Problem einsetzt. Und den wohlsortierten Werkzeugkoffer aufklappen, um die passenden Werkzeuge zur Problemlösung hervorzukramen.
Bei dem Problem mit den Figuren ist es meist der Ratschlag: Kriech in deine Figur. Lass sie mal in der Ich-Perspektive erzählen. Hallo, ich bin Don Quichotte und werde allen zeigen, was es bedeutet, ein Ritter zu sein.
Und dann, das nächste Werkzeug: Wenn du dich in die Person verwandelt hast, schreib die Szene aus der Sicht der Figur neu.
Ich bin nicht der beste Freund der Autoren. Ich bin der Sparring-Partner und wenn der Autor nicht aufpasst, lande ich einen Treffer. Der tut weh. Aber hilft, in Zukunft besser auf die Worte zu achten.
Natürlich darf ich nicht immer der gleiche Leser sein. Ein Thriller will anders gelesen werden als eine Liebesgeschichte oder Fantasy. Mein Leser-Ich muss sich auf den Text einlassen. Ihn so lesen, wie er gelesen werden will. Und mein Rotstift-Ich muss ebenfalls im Stil des Autors agieren. Eine ruhige, poetische Geschichte in atemberaubende Action zu verwandeln, ist keine gute Idee.
Natürlich muss ich auch erkennen, was der Autor eigentlich will. Nicht immer ist es ihm gelungen, das deutlich zu machen. Mit einiger Erfahrung spürt man es aber heraus.
Außer, wenn der Autor es selbst nicht weiß. Das sind die mäandernden Geschichten. Nicht ganz klar, ob sie Liebesroman oder Krimi werden wollen. Aber für eines muss man sich entscheiden. Da hilft dann nur Fragen und mit dem Autor diskutieren. Das gehört sowieso zu dem Lektorenjob. Dem Autor erklären, warum man etwas geändert hat. Diskutieren, ob es nicht eine bessere Lösung gibt. Manchmal kommt auch heraus, dass der Autor etwas ganz anderes sagen wollte, das aber nicht im Text stand, also weder mein Leser-Ich noch mein Rotstift-Ich erahnen konnten. Telepathie gehört nicht zu den unabdingbaren Voraussetzungen für den Lektorenberuf.
Das Ergebnis ist eine Datei mit viel Rot. Und ein Kommentar zum Text, der sagt, ob und welche strukturellen Probleme es gibt. Das sollte den Autor nicht entmutigen, es sind Vorschläge. Es gibt keine Lektorenpolizei, die früh am Morgen mit dem SEK anrückt, weil Sie die Lektorenvorschläge nicht übernommen haben. Meist sind es ca. 80-90 % der Vorschläge, die Autoren übernehmen. Dann weiß ich, dass Leser-Ich und Rotstift-Ich gut gearbeitet haben.

Hans Peter Roentgen

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